Ein Interview mit Rebecca Kleinheitz über das Netzwerk alma
Inklusion ist in der Landwirtschaft kein neues Konzept, sie wurde auf vielen Höfen schon immer ganz selbstverständlich gelebt. Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Fähigkeiten, gemeinsames Arbeiten: Was heute oft als innovativer Ansatz beschrieben wird, hat in der Landwirtschaft eine lange Tradition. Genau hier setzt das Netzwerk alma an und entwickelt diese gewachsene Realität weiter.
Rebecca Kleinheitz, Geschäftsführerin des Netzwerks, spricht nicht von Theorie, sondern von gelebter Praxis. Ihr Ansatz ist so simpel wie wirkungsvoll: Menschen und Betriebe zusammenbringen, sodass beide Seiten profitieren. Eine klassische Win-Win-Situation – allerdings eine, die Fingerspitzengefühl braucht. Denn im Hintergrund stehen komplexe Fragen zu Finanzierung, rechtlichen Rahmenbedingungen und individueller Unterstützung. „Es geht nicht darum Behinderte Menschen als günstige Arbeitskräfte auszunutzen“, betont sie, „sondern faire Bedingungen für alle zu schaffen.“
Eine Idee, die gewachsen ist
Die Wurzeln von alma reichen weiter zurück, als man vermuten würde. Erste Impulse entstanden bereits am FiBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau), wo sich zeigte, wie groß der Bedarf an Beratung in diesem Bereich ist. Aus einer Vision wurde ein Verein, später sogar eine Genossenschaft, eine notwendige Weiterentwicklung, um finanzielle Mittel direkt dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden: auf die Höfe. Denn das bestehende Sozialrecht sieht in der Regel keine direkte Vergütung landwirtschaftlicher Betriebe vor, finanzielle Mittel richten sich primär an soziale Einrichtungen. Die Genossenschaft fungiert daher als vermittelnde Struktur, um diese Lücke zu schließen.
Die Idee dahinter ist ebenso pragmatisch wie innovativ: Menschen mit Behinderung werden angestellt und über Kooperationsverträge in landwirtschaftliche Betriebe integriert. So entsteht ein System, das nicht nur funktioniert, sondern echte Teilhabe ermöglicht.
Inklusion neu gedacht
Doch was bedeutet Inklusion eigentlich konkret, jenseits von politischen Schlagworten? Für Kleinheitz ist die Antwort klar: „Die Arbeit muss sich an den Menschen anpassen, nicht umgekehrt.“ Ein Ansatz, der nicht nur inklusiv ist, sondern grundsätzlich sinnvoll erscheint. Denn wer die Fähigkeiten seiner Mitarbeitenden in den Mittelpunkt stellt, schafft oft bessere Arbeitsbedingungen für alle.
Gerade die Landwirtschaft bietet dafür einen fruchtbaren Boden. Kaum ein Berufsfeld ist so vielfältig, so sinnstiftend und so unmittelbar erfahrbar. Hier wird Arbeit sichtbar: Pflanzen wachsen, Tiere werden versorgt, Abläufe greifen ineinander. Diese direkte Rückmeldung stärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit und ist ein zentraler Faktor, gerade für Menschen, die im klassischen Arbeitsmarkt oft übersehen werden.
Überraschend normal
Ein häufiges Aha-Erlebnis für die teilnehmenden Betriebe: Inklusion fühlt sich oft viel weniger „anders“ an, als erwartet. Anfangs herrscht Unsicherheit – Was darf ich? Was muss ich beachten? Doch Missverständnisse lösen sich schnell auf, etwa die Sorge, ständig begleiten zu müssen. In den meisten Fällen arbeiten Menschen mit Behinderung nach einer sorgfältigen Einweisung auch selbstständig. Gleichzeitig entstehen neue Strukturen, so werden Arbeitsabläufe klarer und Kommunikation bewusster. Veränderungen, die letztlich dem gesamten Betrieb zugutekommen.
Mehr als ein Arbeitsplatz
Für die Menschen selbst bedeutet die Arbeit auf dem Hof weit mehr als nur Beschäftigung. Sie schafft Identität, Stolz und Zugehörigkeit. „Der Job spielt in unserer Gesellschaft eine enorme Rolle“, sagt Kleinheitz. „Und genau das spüren wir hier auch.“ Die Rückmeldungen sind durchweg positiv, unabhängig davon, ob jemand langfristig in der Landwirtschaft bleibt oder neue Wege einschlägt.
Zwischen Vision und Realität
Trotz aller Erfolge bleibt der Weg herausfordernd. Strukturelle Hürden, insbesondere bei der Finanzierung, bremsen die Entwicklung. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland noch hinter Ländern wie den Niederlanden zurück, wo bessere Rahmenbedingungen bestehen.
Die Vision von alma ist deshalb klar: Eine Gesellschaft, die den sozialen Mehrwert solcher Modelle nicht nur erkennt, sondern bewusst wertschätzt und die damit verbundene Mehrleistung auch entsprechend honoriert. In der verstanden wird, dass Inklusion kein „Zusatz“ ist, sondern ein Beitrag zum Gemeinwohl, der Ressourcen, Zeit und Engagement erfordert. Und in der genau dafür tragfähige Rahmenbedingungen geschaffen werden, sodass Vielfalt nicht nur mitgedacht, sondern selbstverständlich gelebt werden kann.
Und was können wir tun?
Veränderung beginnt bei uns allen - im Kleinen und ganz konkret. Jede und jeder kann einen Beitrag leisten: beim Pendeln unterstützen, Strukturen mitdenken oder kreative Lösungen finden, wie die Person, die mit Fotos einem tauben Mitarbeiter den Arbeitsalltag erleichtert hat. Es sind genau diese individuellen Impulse, die deutlich machen: Inklusion ist keine abstrakte Aufgabe, sondern eine, die wir gemeinsam gestalten.
Am Ende bleibt ein Gedanke, der nachwirkt: Die Landwirtschaft stellt sich seit jeher eine zentrale Frage: Was braucht es, damit Wachstum möglich wird? Vielleicht ist genau das auch die entscheidende Frage für unsere Gesellschaft.




