Bausteine für einen neuen Pflanzenschutz
Ein milder Frühlingstag, erste gelbe Blüten im Raps und viele Gespräche am Feldrand: Der Feldtag zum „Opferraps-Projekt“ in Langwedel-Daverden begann in angenehmer sachlicher Atmosphäre. Die Teilnehmenden, die Mitte April vor Ort waren, nutzten die Gelegenheit, um praxisnahe Einblicke und Erfahrungen direkt am Feld zu gewinnen.
Zwischen zwei Schlägen, klar gekennzeichnet durch Informationstafeln, stellten die Landwirte Schweder und Rudolf Lüdemann gemeinsam mit Imker Heinrich Kersten ihre Versuchsflächen vor. Zwei Varianten des sogenannten Opferrapses lagen direkt nebeneinander, ergänzt durch eine Referenzfläche. Ziel des Projekts ist es, den Einsatz von Insektiziden im Rapsanbau zu reduzieren, nicht theoretisch, sondern unter realen Bedingungen.
Ende 2024 hörte Kersten erstmals von der Idee, nahm Kontakt auf, organisierte eine Informationsveranstaltung. Als es um die konkrete Umsetzung ging, bot Schweder Lüdemann spontan Flächen für einen Versuch an. Im August 2025 wurde ausgesät, inklusive einer erweiterten Variante, die er zusätzlich entwickelte.
Mit der Aussaat begann ein Projekt, das schnell über die Region hinaus Aufmerksamkeit bekam. Fachleute aus verschiedenen Ländern verfolgten die Entwicklung u.a. beim INTERTEK-Webinar „Honey-Day 2025“, Diskussionen wurden geführt, Erfahrungen ausgetauscht. Dennoch blieb der Kern in Daverden bodenständig: Was passiert tatsächlich auf dem Acker?
Die Antworten darauf fielen differenziert aus. „Der Raps ist gut geworden, die Beisaat nicht wie erhofft“, erklärte Lüdemann. Gesät wurde in Direktsaat, mit möglichst wenig Bodenbearbeitung, ein Ansatz, der Ressourcen schont, aber stark von Witterung und Standort abhängt. Der heiße Sommer 2025 erschwerte die Entwicklung der Begleitpflanzen, die eigentlich Nährstoffe im Boden binden sollten.
Ein zentrales Thema war der Rapsglanzkäfer. Mehrere Zählungen zeigten, wie dynamisch sich der Befall entwickeln kann. Während zunächst keine kritischen Werte erreicht wurden, stiegen die Zahlen mit Beginn der Blüte deutlich an. Auf einzelnen Pflanzen wurden über 40 Käfer gezählt. Schließlich entschied sich Lüdemann für einen gezielten Insektizideinsatz mit Ausnahme einer Nullparzelle.
Berater Heinrich Romundt ordnete die Situation ein: „Die Schadschwelle ist abhängig vom Entwicklungsstadium des Rapses. Je weiter die Blüte fortgeschritten sei, desto mehr Käfer könnten toleriert werden.“ Gleichzeitig verwies er auf regionale Unterschiede und wechselnde Befallsjahre. „Es gibt viele Parameter, die man berücksichtigen muss“, ergänzte auch Lidea-Beraterin Louisa Rohmeyer.
Genau hier setzt das Opferraps-Konzept an. Es soll ein zusätzlicher Baustein sein, kein Ersatz für alle bestehenden Maßnahmen. Ziel ist eine Pflanzenschutzstrategie, die mit weniger Insektiziden auskommt und gleichzeitig praktikabel bleibt. Für die Beteiligten ist klar, dass es dabei nicht um einfache Lösungen geht.
Warum dieser Aufwand? Für Romundt liegt die Antwort auf der Hand: „Viele Wirkstoffe verlieren an Wirksamkeit, Resistenzen nehmen zu.“ Der Bedarf an Alternativen wächst.
Gleichzeitig betont Lüdemann, dass es ihm nicht um einen radikalen Verzicht auf Pflanzenschutzmittel geht. Im Gegenteil: Entscheidend sei das Zusammenspiel verschiedener Ansätze. Mechanische Beikrautregulierung und ein gezielter, verantwortungsbewusster Einsatz chemischer Mittel sollen sich sinnvoll ergänzen. An einem simplen Beispiel erläutert er, weshalb ein Schwarz-Weiß-Denken wenig hilfreich ist: „Um pfluglos arbeiten zu können, ist Glyphosat für uns ein wichtiger Baustein.“
Seine Strategie folgt keinem starren Konzept, sondern einem Baukastensystem. Viele kleine Maßnahmen greifen ineinander. Nicht jede funktioniert in jedem Jahr, aber gemeinsam können sie ein stabiles System ergeben. Eines, das nicht nur Ressourcen schont, sondern langfristig auch wirtschaftlich tragfähig bleibt.
So blieb am Ende des Feldtages vor allem ein Eindruck: Landwirtschaftliche Entwicklung verläuft selten geradlinig. Sie besteht aus Versuchen, Anpassungen und manchmal auch Korrekturen. Der Opferraps ist einer dieser Versuche.